Ein Vertikalgarten im Innenraum verbessert Luftqualität und Wohlbefinden. Foto: AdobeStock_svetlana

Vertikalgarten: Die Gartenform der urbanen Zukunft?

Wenn winzige Balkone effizient in die Höhe bepflanzt werden, einst graue Häuserfassaden plötzlich grün und lebendig sind oder Salat in Science-Fiction-Manier auf künstlich beleuchteten Etagen wächst, dann ist von vertikalen Gärten die Rede. Im Gegensatz zu ihren horizontalen Pendants nutzt diese Gartenform die Senkrechte aus und kann daher vor allem für überfüllte Betonwüsten eine Gartenvision der Zukunft darstellen.

Inhalt

Was ist ein Vertikalgarten?

Zunächst sind vertikale Gärten schlicht eine Form der Gartengestaltung, die Pflanzen – wie der Name schon vermuten lässt – vertikal wachsen lässt. Wie genau dies geschieht, tut dabei im Prinzip nichts zur Sache. Vertikale Gärten können vielerlei Gestalt annehmen: Gen Himmel strebende Kletterpflanzen, Säulen- und Spalierobst oder übereinander gestapelte Pflanzcontainer sind allesamt Arten des vertikalen Gärtnerns.

Schon das Aufhängen von Pflanzkübeln ist vertikales Gärtnern. Foto: AdobeStock_Anna
Gemüse wächst platzsparend in Rohrsystemen. Foto: AdobeStock_sommart

Die Idee des Vertikalgartens geht jedoch über die räumliche Anordnung hinaus. Vielmehr geht es ihren Gestalter*innen darum, lebenswerte grüne Oasen an Orten zu schaffen, die eher begrenzt oder scheinbar ungeeignet sind. Mit einem Vertikalgarten lassen sich auch solche Räume optimal begrünen.

Vorteile

Vertikale Gärten bauen auf das ästhetische Umgebungspotential von Pflanzen sowie deren Fähigkeit, die Luftqualität zu erhöhen. Durch platzeffiziente Bepflanzungen müssen vor allem Großstädter*innen auf kleinen Balkonen oder in Innenräumen nicht auf die Vorteile von lebendigem Grün verzichten. Auch öffentliche Orte der Stadt profitieren vom vertikalen Gärtnern. Denn neben den luftverbessernden Eigenschaften liefern begrünte Gebäudeaußenflächen unter anderem auch eine nennenswerte Schalldämmung.

Foto: AdobeStock_Bruno Garcia
Künstlerisch arrangierte Pflanzen statt grauem Beton. Foto: AdobeStock_Bruno Garcia

Der Blick ins Grüne hat zudem einen erwiesenermaßen stressmildernden und beruhigenden Effekt. Der Philosoph Erich Fromm verlieh unserer Liebe zu Pflanzen, und zum Lebendigen selbst, mit dem Begriff der „Biophilie“ Ausdruck. Doch nicht nur Menschen lieben wachsendes Grün – Insekten und anderen Kleintieren bieten vertikale Gärten neu gewonnene Refugien in der sonst oft unlebenswerten Großstadt.

Geschichte & Entwicklung

Vertikal gegärtnert wird schon lange. Vor allem auf Balkonen und Terrassen lässt es sich kreativ werden und auf säulenförmige Kübelpflanzen oder Pflanzgefäße zurückgreifen, die an Wänden befestigt werden können. Architektur und Stadtplanung haben sich das Prinzip ebenfalls zunutze gemacht und ausgeweitet. Als einer der wichtigsten Vertreter der vertikalen Gartengestaltung gilt der französische Gartenkünstler und Botaniker Patrick Blanc. Mit seinen murs végétaux – zu deutsch „Pflanzenwände“ – hat er die Fassadenbegrünung revolutioniert. Neue Systeme sind nicht mehr an den Boden gebunden, sondern ermöglichen eine autark funktionierende Wandbegrünung inklusive Bewässerung. Auch für Innenräume kommt diese Art der flächendeckenden Bepflanzung mehr und mehr zum Einsatz und schafft einzigartige, klimatisch angenehme Raumatmosphären.

Das „Stapeln“ im Pflanzenanbau spielt auch bei der vertikalen Landwirtschaft eine Rolle. In mehreren Etagen können Kräuter, Obst und Gemüse angebaut werden. Teilweise geschieht dies sogar ohne natürliches Sonnenlicht und wird dann als „Indoor Farming“ bezeichnet. Vertikale Farmen existieren bereits: etwa in Großbritannien oder im US-Bundesstaat New Jersey. In Berlin entwirft das Unternehmen Infarm vertikale Farmen im Miniformat, welche direkt in Supermärkten platziert werden können.

Vertikalgarten: Gartenform der Zukunft?

Bisher scheitert eine breitere Umsetzung vertikaler Farmen vor allem an dem durch LED-Lampen und anderen technischen Geräten noch sehr hohen Energieverbrauch sowie den damit verbundenen Kosten, was sich in einer vergleichsweise schlechten Umweltbilanz niederschlägt. Dennoch wird weiterhin viel in diese Richtung geforscht und immer neuere Systeme werden entwickelt. Für die Landwirtschaft bietet der Vertikalgarten zweifelsohne Ansätze zur Lösung drängender Zukunftsfragen.

Vertikalgarten Foto: AdobeStock_Halfpoint
Keine Science-Fiction mehr: Pflanzen – hier Salbei und Basilikum – wachsen unter künstlichen Bedingungen. Foto: AdobeStock_Halfpoint

Schließlich bedarf es zwingend neuer Methoden zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung. Die Bodenflächen sind dagegen begrenzt, außerdem vielfach ausgelaugt und verdrängen zudem viele für das Ökosystem wichtige Naturgebiete wie Urwälder. Gleichzeitig weiten sich urbane Gebiete aus und mehr Menschen ziehen in die Städte. Vertikale Landwirtschaft spart hier Wasser und Transportwege. Außerdem lässt sich so vollständig auf schädliche Pflanzenschutzmittel verzichten. Um fortschreitende Umweltschäden und die Klimaerwärmung einzudämmen, braucht es so viele Grünflächen wie möglich. Auch rein aus gestalterischen Gesichtspunkten angelegte Vertikalgärten sind darum in diesem Vorhaben unverzichtbar und scheinen für Großstädte der Zukunft weiterhin eine wachsende Rolle zu spielen.  

DIY für Balkon & Terrasse

Produkte rund um das Thema Vertikalgarten boomen: Spezielle Pflanzgefäße, Pflanztaschen oder Filzteppiche zum Anbringen an Wände gibt es mittlerweile vielerorts zu kaufen. Man kann aber auch selbst Hand anlegen. Alte Rohre, Dachrinnen oder Paletten lassen sich hervorragend zweckentfremden. Ein erfinderisch gestalteter Balkon- oder Terrassengarten darf bunt und zusammengewürfelt sein, so macht er besonders viel Freude.

Vertikalgarten Foto: AdobeStock_ Jarumas
Durch Upcycling kommt man mit wenigen Mitteln zum eigenen Vertikalgarten. Foto: AdobeStock_Jarumas

Eine besonders einfache Variante für einen eigenen Vertikalgarten ist es, alte Dosen zu sammeln und zu Töpfen umzufunktionieren. Dafür müssen Sie einem Nagel oder einer Schere auf beiden Seiten, oben wie unten, jeweils kleine Löcher einstechen, eine Juteschnur durchfädeln und so mehrere Dosen miteinander verbinden. Wichtig: Nicht vergessen, auch am Dosenboden Abflusslöcher anzubringen. Anschließend werden die Dosen mit Substrat gefüllt und nach Belieben bepflanzt – wie wäre es zum Beispiel mit Samen für eine Bienenweide? Das selbstgebaute Pflanzsystem können Sie dann am Balkondach, einem Ständer oder über Fenstern befestigen und außerdem jederzeit ganz leicht umhängen.

LUISA ROTH

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