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Insektenbestäubung: So finden Hummeln und Co zur Blüte

Von GartenFlora

Ob die Geschichte von den Bienchen und den Blümchen – die altbekannte Metapher im Aufklärungsunterricht – wirklich so unschuldig ist? Damit eine Pflanze Samen bilden kann, muss männlicher Pollen einer Blüte auf den weiblichen Stempel beziehungsweise die Narbe einer anderen Blüte treffen. Als Liebesboten dienen meist Insekten. Damit die auch gerne die Blüten besuchen und so die Erhaltung der jeweiligen Pflanzenart sichern, täuschen und tricksen die ach so harmlosen Pflanzen jedenfalls, was das Zeug hält.

Am Anfang war die Windbestäubung

So logisch und clever die Insektenbestäubung auch wirken mag – vor langer, langer Zeit nutzten die Pflanzen noch ausschließlich den Wind als Liebesboten. Reiner Zufall war es, wenn ein männliches Pollenkorn auf eine weibliche Blütennarbe der gleichen Pflanzenart wehte. Wertvoller Stickstoff, aus dem Pollen hauptsächlich besteht, wurde so massenhaft in den Sand gesetzt –  welch eine Verschwendung!

Um die Trefferquote zu erhöhen und so den Bedarf an Pollenkörnern senken zu können, brachte die Natur vor etwa 200 Millionen Jahren die Käfer auf den Geschmack. Sie hatten den Pollen nun zum Fressen gern und transportierten ihn bei ihrer Nahrungssuche tatsächlich brav von Blüte zu Blüte.

Blüten und ihr Belohnungssystem für treue Bestäuber

Doch die Leckermäuler waren nicht wählerisch, naschten mal am Mohn, mal an der Rose, dann am Löwenzahn. Verbesserungen waren nötig, um zu gewährleisten, dass der Pollen einer Pflanze auch tatsächlich auf eine Artverwandte trifft: Die Bienen und Hummeln kamen ins Spiel.

Haben sie erst einmal eine Pflanze als wertvolle Tracht erkannt, bleiben sie ihrer Art in aller Regel treu. Für ihre loyalen Dienste werden sie heute von fast allen Pflanzen neben dem Pollen, mit dem sie ihre Brut füttern, auch mit süßem Nektar entlohnt.

Und damit sie bei ihren Sammelflügen nicht doch mal versehentlich auf eine falsche Blüte treffen, entwickelten die einzelnen Blumen im Laufe der Evolution verschiedenste Lock- und Erkennungssignale: Die Insektenbestäubung führte dazu, dass die Welt bunt wurde, dank all der Blütenfarben und -muster und Düfte.

Wie Pflanzen mit der Insektenbestäubung tricksen

Doch diese bunte Glitzerwelt ermöglicht auch Schummlern und Tricksern ein Auskommen. Sie nutzen die Signale rechtschaffener Pflanzen, um zu versprechen, was sie nicht halten können. Ganz zarte Geschöpfe wie der Steinbrech Saxifraga bryoides sind darunter, dem man solch kriminelles Potenzial nie zugetraut hätte. Mit großzügig gelb gefleckten Blütenblättern täuscht das Blümchen nicht vorhandenen Pollenreichtum vor, um auf hungrige Bienen attraktiver zu wirken.

Die Hummelragwurz setzt dagegen auf ganz andere Triebe und imitiert mit ihren Blüten gar weibliche Bienen, um paarungswillige Männchen zu betören. Die Gehörnten transportieren bei der „Begattung“ dann stets wunschgemäß den Pollen.

Das Ziel hinter all der Schummelei: Die Fortpflanzung mittels Insektenbestäubung zu sichern, ohne dabei in Nektar oder überschüssigen Pollen investieren zu müssen, und dabei Energien und Ressourcen zu sparen. So zumindest die eigentlich einleuchtende Erklärung der Biologen.

Hummel im Anflug auf Blüte
Hummel im Anflug auf eine Blüte

Die Strategie des Löwenzahns

Die wahren Gewinner allerdings lassen sich ihren Erfolg dann doch etwas kosten: Der Löwenzahn verwöhnt mit so reichem Nektar und Pollen, dass die Bienen nur noch Augen für ihn haben und alle anderen Pflanzen links liegen lassen. Dabei hat gerade er die Bestäuber gar nicht nötig: In unseren Breiten vermehrt sich der Löwenzahn ganz keusch per Jungfernzeugung, also ohne Bestäubung.

Das Ziel seiner Avancen kann also eigentlich nur darin bestehen, die Bestäuber von der Vermehrung anderer Pflanzen abzuhalten. Und schauen Sie sich um, auf Wiesen, Wegen und Beeten, wie gut dieser Platzhirsch mit seiner Strategie fährt … Gönnerhaft und großzügig. Und am Ende doch gnadenlos selbstsüchtig. Das scheint selbst im lieblichen Pflanzenreich ein Rezept für den ganz großen Erfolg zu sein.

Insektenbestäubung in Zahlen

Nur etwa 20 % unserer einheimischen Pflanzen, vor allem Gräser, werden noch vom Wind bestäubt – die anderen 80 % sind auf Insekten angewiesen. Knapp die Hälfte der gesamten Bestäubungsleistung wird dabei von Bienen und Hummeln gestemmt. Die andere Hälfte teilen sich Schwebfliegen, Käfer und Schmetterlinge.

Auch den sprichwörtlichen Bienenfleiß gibt’s in Zahlen: Ein Bienenvolk kann pro Tag etwa 3 Millionen Obstblüten bestäuben und so für reichen Fruchtansatz sorgen. Eine Hummel besucht in derselben Zeit sogar drei- bis fünfmal so viele Blüten wie eine Honigbiene.

Bestäuber anlocken – weitere überraschende Blütentricks

Eine freche Klappe

Die Blüten des Salbeis sind mit einem Hebel ausgestattet: Landet eine Biene auf ihm, klappen zwei Staubfäden herab und platzieren eine tüchtige Portion Pollen auf ihrem Rücken. Die Narben anderer Blüten haben sich bogenförmig gestreckt, um die Fracht ganz gezielt hier abgreifen zu können. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat eine Broschüre zusammengestellt, die viele bienenfreundliche Pflanzen auflistet. Dieses Pflanzenlexikon für Balkon und Garten kann von der Website des Ministeriums heruntergeladen werden.

Gutes Timing

Um Selbstbestäubung zu vermeiden, entwickeln sich die Organe der Lupine zeitverzögert: Erst liefern die in den Blüten verborgenen Staubbeutel Pollen. Ist dieser erschöpft, fährt die weibliche Narbe aus.

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Ein arglistiger Stinker

Der Aronstab wird durch „Abortfliegen“ bestäubt, die ihre Eier in Fäkalien ablegen. Um sie zu locken, stinkt er also erbärmlich. Einen Tag hält er die Gäste im Blütenkessel gefangen, damit sie genug Pollen laden.

Dick ist Trumpf

Die großmäuligen Blüten des Löwenmäulchens sind fest verschlossen. Nur schwergewichtige Hummeln können die Unterlippe der Blüte herabdrücken und an den Nektar gelangen. Der Vorteil für die Pflanze: Der exklusive Zugang garantiert den Hummeln eine stets gefüllte Nektarbar und fördert so ihre Loyalität.

Kastanien und die Nektarampel

Die Farbflecken in den Kastanienblüten ändern den Ton. Gelb heißt: Hier gibt’s reichlich Nektar und Pollen. Rot sagt: Nichts mehr zu holen. So konzentrieren sich die Bienen auf noch nicht bestäubte Blüten.

Rutschpartie

Der Blütengrund der Malven ist besonders glatt: Nektarsuchende Bienen rutschen aus und bepudern sich beim Versuch, Halt zu finden, über und über mit Pollen. Je mehr sie davon transportieren, desto sicherer gelingt die Bestäubung.

» Tipps zum Artenschutz im Garten: Winterquartiere für Tiere

Insektenbestäubung – eine kleine Nachhilfe

Bei fast allen Pflanzen lässt erst eine erfolgreiche Befruchtung deren Früchte reifen. Bienen und Hummeln erledigen die Bestäubung bei den im Freiland wachsenden Obst- und Gemüsearten sehr zuverlässig.

Nur im Gewächshaus, wo weder Wind noch Insektenflug herrschen, sollten wir bei Tomaten, Kürbis, Zucchini und Paprika mit dem Pinsel nachhelfen.

Gezielt wird dabei der Pollen einer Blüte auf die Narbe einer anderen übertragen. Auch einfaches Rütteln an der Pflanze lässt Pollen herabrieseln und (vermutlich) auf die Narbe einer darunterliegenden Blüte treffen.

Gurken allerdings bilden heutzutage eine Ausnahme: Da von den modernen Sorten praktisch nur noch rein weibliche (und damit sicher fruchttragende) Pflanzen angeboten werden, entstehen Gurkenfrüchte fast ausnahmslos durch Jungfernzeugung.

Übrigens: Wer sortenreines Saatgut von Kürbis oder Zucchini sammeln will, muss auch im Freiland zum Pinsel greifen. Bienen und Hummeln unterscheiden zwar Pflanzenarten, nicht aber Sorten: Ein bunter Genmix wäre die Folge der Bestäubung durch Insekten.

Um also sortenreines Saatgut zu gewinnen, werden die Knospen mit Papiertüten vor Bestäubern geschützt. Sobald sie erblüht sind, wird der Pollen einer anderen Blüte auf die Narbe übertragen. Anschließend die bestäubte Blüte wieder vor Insektenbesuch schützen.

Die GartenFlora zu Gast im Hortus Insectorum

Obwohl die Insektenbestäubung so wichtig ist, haben es Bienen, Hummeln und andere Insekten zunehmend schwerer, Nahrung und Lebensraum zu finden. Doch es gibt Möglichkeiten, auch stark spezialisierten Insekten zu helfen. In der GartenFlora 3/2020 berichteten wir darum über unseren Besuch im Hortus Insectorum von Markus Gastl.

Der Insektengarten basiert auf verschiedenen Grundprinzipien, um möglichst vielen unterschiedlichen Pflanzen- und Tierarten ein Refugium zu bieten. Das E-Paper 3/2020, das im Rahmen des Digital- und des Kombi-Abos noch zur Verfügung steht, stellt den außergewöhnlichen Hortus Insectorum vor und zeigt auch, wie die Artenvielfalt im eigenen Garten gefördert und erhalten werden kann.