Rittersporn – die Suche nach Atlantis

Rittersporn

Atlantis, ein Märchen mit nachtblauen Blüten. Die zierliche Belladonna-Sorte schrieb Geschichte.

Was waren das vor fünfzig Jahren doch noch für Rittersporne! In Potsdam-Bornim standen ganze Felder voller mannshoher, blauer Blütentürme. „Großgehungert, großgedürstet, der Mehltau, der wird weggebürstet“, dichteten wir Gärtnergehilfen damals launig als harmlosen Spott von unten gegen den „Übervater“ Karl Foerster. Dessen Erfolge beim Schaffen gartenwürdiger Rittersporn-Sorten sind bis heute unbestritten. Es soll Leute geben, die geradezu süchtig nach Ritterspornen werden. Karl Foerster schuf die Grundlage ihrer Leidenschaft. Wir Gehilfen hatten aber mit unserem Vers den Finger auf der richtigen Stelle: Garten-Rittersporne sind „Prachtstauden“. Sie müssen optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden und brauchen einen sonnigen Standort – nur dann besteht Aussicht auf mannshohe Blütentürme. „Ein Garten ohne Rittersporn ist ein Irrtum!“ Dieser kernige Satz, bezogen allerdings auf Phlox, wird Karl Foerster zugeschrieben. Ich wandele ihn hier für Rittersporn ab, wohl wissend, dass nun mancher seufzt: „Da muss ich eben mit einem Irrtum leben“. Landauf, landab klingt das Klagelied: Meine Rittersporne gedeihen nicht, was mache ich bloß falsch? Meine so schön blühenden Exemplare aus dem Gartenmarkt sind bereits nach einem Jahr schwache Kümmerlinge, manche blieben gleich ganz weg.


Wer zu den Nachgeborenen gehört und heute der Rittersporn-Leidenschaft frönen will, hat schlechtere Karten als wir damals. Foersters Sorten, ständig durch Teilung vermehrt, sind Jahrzehnte alt und haben naturgemäß an Vitalität verloren. Nur wenige Gärtnereien bieten sie noch an. Mittlerweile haben neue, durch Aussaat vermehrte Rittersporne die Führung übernommen und strotzen geradezu vor Lebenskraft. Sie wurden ursprünglich für Schnittzwecke und Ausstellungen gezüchtet. Die Langlebigkeit blieb auf der Strecke. Deshalb sind sie heute im Garten meist nur eine kurzlebige Dekoration. In der Bornimer Gärtnerei war uns Züchtern nach 1970, dem Todesjahr Karl Foersters, klar: Es musste ein anderes Konzept her. Wir beschafften uns Saatgut einer damals neuen Zuchtrichtung von Belladonna-Ritterspornen, um sie zu testen. Sie wuchsen zu straffstieligen, meterhohen Pflanzen heran, die im Sommer mehrmals neue Blüten hervorbrachten (sie remontierten). Damit konnten wir weiter arbeiten.

Es waren ursprünglich „Saat-Rittersporne“. Wir mussten sie „umpolen“ auf die für Foerster typische Teilungsvermehrung. Nach sieben Jahren Züchtungsarbeit hatten wir einige Auslesen gefunden, die kaum noch Samen ansetzten, sich aber durch Teilen wirtschaftlich vermehren ließen, wüchsig waren und klare Blütenfarben zeigten. 1980 kam davon als erste die himmelblaue Sorte ‘Ballkleid’ in den Verkauf. 1987 folgte der Knüller, die tief violettblaue Sorte ‘Atlantis’. Sie wurde sofort der Favorit und wegen ihrer Blütenfarbe schnell auch jenseits des Ostens von Deutschland bekannt. Später erhielt sie in England die höchste Auszeichnung für Gartenpflanzen den „Award of Garden Merit (AGM)“. Was wollten wir mehr. Na, noch eine dritte Sorte. Als Nachschlag brachten wir 1990 die Sorte ‘Sternenhimmel’, klares Mittelblau mit weißem Auge, an den Start. Alle drei sind im Ursprungsbetrieb, bei FoersterStauden in Bornim, noch heute erhältlich.
Dr. Konrad Näser


» Alle Themen: Mit Dr. Konrad Näser im Reich der Stauden


Untrennbar ist sein Name mit der bekannten Gärtnerei "Karl Foerster" in Potsdam-Bornim verbunden. Als Züchtungsleiter trat Dr. Konrad Näser nach Foersters Tod im Jahre 1970 in dessen Fußstapfen. Mehr über den Karl-Foerster-Garten erfahren Sie im PotsdamWiki.

Wie ging es mit den Foerster-Ritterspornen weiter?

Ein gutes Traditionssortiment gibt es noch heute in der Bornimer Gärtnerei. Daneben begann Gartenbau-Ingenieur Wolfgang Kautz auf einem Acker bei Potsdam mit der Rittersporn-Vermehrung, die er im Laufe der Jahre auf nahezu zwanzig Sorten des Foerster-Sortimentes ausdehnte. Durch optimale Pflege und Düngung versucht er, die Vitalität der alten Sorten zu erhalten oder zu steigern. Und züchtet selbst neue Sorten vom „Foerster-Typ“. Ein Volltreffer wurde ‘Augenweide’, hellblau, vital, starkwüchsig, gesund. Sie erhielt vom Bund deutscher Staudengärtner eine hohe Bewertung. Und schon bringt der Rittersporn-Liebhaber seine nächste Sorte in die Gärten. Sie ist ein echter ‘Atlantis’-Nachfahr, ein Zufallsfund in den Mutterpflanzen- Beständen, mit gleich guten Eigenschaften wie die Elternsorte, aber in einem kräftigen Mittelblau. Kautz gab ihr den Namen ‘Bunzlau’. So heißt auch die berühmte Keramik seiner Geburtsstadt Bunzlau.

Extra-Tipp

Viele Rittersporn-Sorten lassen sich zu einem zweiten Flor verleiten, wenn sie rechtzeitig nach der ersten Blüte bis 3 cm über der Erde zurückgeschnitten werden. Rechtzeitig heißt: ab 20. Juni, auch wenn noch drei Blütchen oben an der Rispe hängen. Zeitgleich fördern etwas Volldünger oder Kompost und eine kräftige Wassergabe den Neuaustrieb. Besonders willig blühen Belladonna-Sorten ein zweites Mal.

Elatum, Pacific, Belladonna – die Geheimsprache der Gärtner

Immer wieder tauchen bei Ritterspornen diese Begriffe auf: Elatum-Sorten sind Abkömmlinge von Delphinium elatum. Fast alle hohen Foerster-Sorten haben dort ihren Ursprung, werden durch Teilung vermehrt und sind relativ langlebig. Als besonders robust schätze ich ‘Morgentau’, ‘Augenweide’ und ‘Zauberflöte’.

Pacific-Sorten
waren ursprünglich Schnitt- und Schau-Rittersporne amerikanischer Herkunft (Name!). Von ihnen gibt es heute viele Sorten (‘Astolat’, ‘Black Knight’, ‘King Arthur’). Alle werden durch Aussaat vermehrt und haben nur eine kurze Lebenserwartung. In Gärtnereien ersetzt man sie mittlerweile durch die noch neueren Elatum-F1-Hybriden. Gute Gartensorten kommen aus der New Millenium-Serie.

Belladonna-Sorten
entstanden durch Kreuzung von Delphinium elatum x Delphinium sinense. Sie bleiben halbhoch, müssen nach der Blüte zurückgeschnitten werden und remontieren dann willig. Ich liebe besonders ‘Ballkleid’, ‘Atlantis’ und ‘Völkerfrieden’.
Newsletter-Anmeldung

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

Aktuelle Ausgabe

Das Ratgebermagazin für Gartenliebhaber. Jeden Monat neu mit einer Vielzahl Tipps und Ratschlägen für den Zier- und Nutzgarten, mit Gestaltungsideen, Trends und Neuheiten rund um das Hobby Garten. Dazu wunderschöne Fotos aus liebevoll angelegten Privatgärten.

Editorial lesen Abonnieren

Aktuelle Ausgabe

GartenFlora Shop

Folgen Sie uns auf Facebook    Folgen Sie uns auf Twitter

Diese Webseite verwendet Cookies. Wenn Sie durch unsere Seiten surfen, erklären Sie sich mit unseren Nutzungsbedingungen einverstanden.

Erfahren Sie mehr