ARCHE NOAH für Pflanzen

Interview – Arche Noah für Pflanzen

Viele Gemüse- und Obstsorten drohen zu verschwinden. Die „Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt“ ARCHE NOAH bietet letzte Zuflucht.

Katrin Ehlert leitet die Öffentlichkeitsarbeit der ARCHE NOAH. Sie erklärt GartenFlora Redakteurin Kerstin Ackermann, warum ‘Prinzenapfel’ und Co. trotz der vielen modernen Hybridsorten unverzichtbar sind.

Überall gedeihen Kulturpflanzen. Wie können sie da bedroht sein?

Nun, die Vielfalt an verschiedenen Arten und Sorten ist bedroht! Man schätzt, dass in den vergangenen 100 Jahren rund 75 % der Kultursorten einfürallemal verloren gegangen sind! Das betrifft vom Apfel über die Kartoffel bis zum Hafer sämtliche Nutzpflanzen.

Warum dieser Sortenschwund?

Die Industrialisierung hat Standards gesetzt: Eine gewinnbringende Apfelsorte zum Beispiel muss sehr viel Ertrag liefern, die Früchte sollen sich lange lagern und problemlos transportieren lassen. Ein ‘Prinzenapfel’, der bereits nach zwei Wochen mehlig wird, hat da keine Chance, je in den Supermarkt zu kommen. Trotz seines einzigartigen Aromas! Er muss privat erhalten werden.

Sie erhalten aber auch Sorten, die geschmacklich weniger herausragen. Was haben die zu bieten?

Zuerst einmal sind Nutzpflanzensorten ein erhaltenswertes Kulturgut, denn sie haben sich über Jahrhunderte hinweg zusammen mit den Menschen entwickelt. Zudem verbirgt sich in ihnen ein einzigartiges genetisches Potenzial: Die eine Sorte verträgt extreme Trockenheit, eine andere gedeiht in unwirtlichen Höhenlagen, eine weitere ist gegen bestimmte Krankheiten resistent. Wir brauchen diesen Gen-Pool, um in Zukunft auf veränderte Umweltbedingungen reagieren zu können.

Können das nicht auch die Hybridsorten aus den Saatgutfirmen leisten?
Hybridsorten haben den Nachteil, dass sie nicht sortenrein nachbaufähig sind. Ihre Merkmale spalten auf. Das heißt: Wenn ein Bauer selbst gewonnenes Saatgut wieder aussäen würde, bekäme er einen uneinheitlichen Pflanzenbestand. Nur wenige Nachkommen würden der Elternsorte gleichen. So ist er gezwungen, jedes Jahr aufs Neue Saatgut bei der entsprechenden Firma zu bestellen. Das schafft Abhängigkeiten und Monopole.

Und die alten Sorten?

Sorten, die sich durch jahre-, zum Teil jahrzehntelange Selektion entwickelt haben, sind samenfest, das heißt sortenecht zu vermehren. Die Nachkommen sind mit ihren Elternpflanzen also alle nahezu identisch. So kann der Bauer die Sorte selbst erhalten und bewahrt sich seine Autarkie von der Saatgutindustrie.

Und die Sorten, die Sie erhalten, sind alle sortenecht?

Ja! Darüber hinaus wollen wir die alten Sorten so weiterentwickeln, dass auch Landwirte unter heutigen Bedingungen im Biolandbau mit ihnen arbeiten können.

Sie bewahren also nicht nur alte Sorten in ihrem Ursprungszustand, sondern selektieren sie auch, um neue zu entwickeln?

Ja, das ist lebendige Erhaltung der Vielfalt. Wir möchten kein Museum sein.

Wie schaffen Sie die ganze Arbeit?

Das Herz der ARCHE NOAH bilden etwa 150 Erhalter. Das sind Landwirte und Hobbygärtner, die unsere und eigene seltene Sorten auf ihrem Grundstück anbauen und Saatgut gewinnen. Über das ARCHE NOAH-Sortenhandbuch wird dieses dann allen Interessenten zugänglich gemacht. Zudem haben wir über 11.000 Mitglieder, die unseren Verein über Spenden und Mitgliedsbeiträge unterstützen.

» Weitere Informationen: ARCHE NOAH online

Informationen

Saatgutarchiv

Im Saatgutarchiv lagern die Samen von über 6000 Sorten seltener Gemüse, Kräuter, Getreide und Zierpflanzen. Da Saatgut mit der Zeit an Keimfähigkeit verliert, wird es in den ARCHE NOAH-Gärten periodisch angebaut, vermehrt und dann frisch eingelagert. Sachgerecht, versteht sich: In dem klimatisierten Raum ist es dunkel und kühl, jede Temperaturschwankung wird vermieden. Luftdicht verschlossene Gläser schützen vor Luftfeuchtigkeit.

Die Keimprobe zeigt, wie lebensfähig älteres Saatgut noch ist. Im Bild oben sind Bohnen auf feuchtem Papier ausgelegt, mit Klarsichtfolie überspannt und hell und warm aufgestellt. Nach drei Tagen wird überprüft, wie viel Prozent der Bohnen gekeimt sind. Bei vielen Kulturen zeigt sich die Keimfähigkeit bereits nach einem Tag. Manche Arten, wie Pastinaken, brauchen dagegen Wochen.

Bunte Bohnen

Busch- und Stangenbohnen aus dem Garten wandern meist als Fisole, also als junge Hülse, in den Kochtopf. Lässt man die Hülsen jedoch ausreifen, entwickeln sich in ihnen die äußerst haltbaren, eiweißreichen Trockenbohnen.

Bei neueren Züchtungen sind diese meist schlicht weiß, damit sie bei der Konservierung nicht unansehnlich verfärben. Ältere Sorten dagegen sind oft bunt, mal gefleckt, mal marmoriert. Neben Buschund Stangenbohnen kultiviert ARCHE NOAH auch Feuer-, Spaghetti- und wärmebedürftige Mondbohnen.