Alpinum – Lebensraum für Minimalisten

Alpinum

Auf gut durchlässigem Grund kann ein Alpinum auch auf ebener Fläche entstehen. Polsterbildner und flache Steine bedecken dann den Vordergrund eines Beetes, dessen Bepflanzung nach hinten hin an Höhe gewinnt.

Fast scheinen sie sich unterm Himmelszelt wegzuducken: Je näher der Berggipfel rückt, desto niedriger wachsen die Pflanzen. Oberhalb der Baumgrenze, ab ungefähr 2000 m Höhe, gedeihen nur noch florale Miniaturausgaben. Das hat handfeste Gründe: Wer sich klein macht, bietet nur wenig Angriffsfläche für harsche Bergwinde, grelle Sonne und immense Schneemassen, die monatelang auf einem lasten. In einem bodennahen Blattpolster lassen sich Humus und Wasser speichern, die an den kargen Felshängen sonst allzu schnell ins Tal rauschen. Und: Wer nur wenige warme Monate hat, wird nicht erst langwierig ins Kraut schießen, sondern gleich zum Wesentlichen kommen – der Blüten- und letztlich Nachkommenbildung.

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TroddelblumeDas klingt nun alles nach äußerst unwirtlichen Bedingungen, doch die Pflanzen sind gut daran angepasst. So gut sogar, dass sie anders gar nicht mehr können. Ein vermeintlich komfortables, weil feuchtes, nährstoffreiches Blumenbeet macht ihnen schnell den Garaus! In Kübel, Hochbeet oder, im Idealfall, einem Alpinum können wir ihnen aber auch im Tal geeignete Bedingungen verschaffen. Neben einem sonnigen Standort ist dabei ein durchlässiger Untergrund oberstes Gebot: Dazu wird das Erdreich etwa 20 bis 40 cm tief ausgekoffert – je schwerer und nasser es ist, desto tiefer. In einem arg verdichteten Boden kann ein leichtes Gefälle eingearbeitet werden. Das Wasser sammelt sich dann an einer Seite und wird in einem speziellen Entwässerungsrohr abgeleitet. Die entstandene Grube nun mit Splitt oder Rollkies, Körnung etwa 3 bis 7 cm, befüllen. Auch in Kübel oder Hochbeet kommt eine dicke Lage davon. Ein darübergelegtes luft- und wasserdurchlässiges Filtervlies verhindert, dass Erdreich eingespült wird und die Dränagewirkung stört. Nun geht es an den kreativen Teil: Bruchraue Steinbrocken und Findlinge (aus Steinbruch oder Baustoffhandel) wollen ansprechend verteilt werden.

Ein Alpinum im Querschnitt. Illustration: Helga MeyerWer eine größere Anlage plant, hatte sich zum Auskoffern vielleicht schon einen Minibagger geliehen, der nun beim Transport der Steine hilft. Ansonsten sind Sackkarre oder eine unterseits mit reichlich Schmierseife bestrichene Plane die Mittel der Wahl. Die großen Steine werden so gesetzt, dass sie alle leicht in die gleiche Richtung neigen. So entsteht schließlich das Bild eines stimmigen, gewachsenen Fels- brockens. Schon beim Setzen werden alle Hohlräume mit speziellem Erdsubstrat aufgefüllt. Dieses sollte eher kalkhaltig, nährstoffarm und gut durchlässig sein. Zugleich darf es aber insbesondere im Frühjahr nach kräftigen Regengüssen nicht allzu schnell austrocknen. Schließlich werden die Gebirgspflanzen zu dieser Jahreszeit mit reichlich Schmelzwasser verwöhnt. Folgende Substrat- mischung kommt den Bedingungen am Naturstandort dabei recht nahe: 1/3 mineralisches Kalkmaterial (grober Sand, feiner Kies oder gebrochener Kalkstein) dazu 1/3 Humus (gut verrotteter Kompost) und 1/3 Perlit. Perlit ist im Gartenfachhandel erhältlich. Es macht den Boden durchlässig, speichert aber zugleich Wasser und gibt es allmählich wieder an die Umgebung ab. In einigen Gärtnereien gibt es zudem fertig gemischte Spezialsubstrate zu kaufen. Nur wenige Alpenpflanzen sind anspruchslos genug, um auch in gewöhnlicher Balkonblumenerde zu gedeihen. Dazu zählen Blaukissen (Aubrieta), Polster-Phlox (Phlox subulata), Schleifenblume (Iberis) und Steinkraut (Alyssum). Um Erosion und Unkrautaufkommen einzudämmen, wird das Substrat schließlich noch etwa 1–2 cm hoch mit Quarzsand oder feinem Splitt abgedeckt.

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AdonisröschenIn solch einem optimalen Zuhause werden die kleinen Höhenflieger gerne zu Flachlandbewohnern. Sie möchten weder gedüngt noch geschnitten werden. Lediglich in Trockenperioden wünschen sie gründliche Wassergaben. Dabei sollte aber nicht alles mit starkem Schwall ertränkt werden. Ein sanfter Sprühnebel aus dem Schlauchaufsatz empfindet den Bergnebel optimal nach. Und auch im Winter sollten wir es der Natur gleichtun: In ihrer Heimat bewahrt eine dicke Schneedecke die zarten Pflänzchen vor austrocknender Wintersonne und eisigem Wind. Ahmen Sie diese Schneemütze bei Kahlfrösten mit Vlies oder Fichtenreisig nach. Dann verwandelt sich das graue Steinensemble ganz bestimmt auch im nächsten Frühjahr in ein farbenprächtiges Blütenmeer.
Kerstin Ackermann


Pflanzen für ein Alpinum

• Die Zwerg-Glockenblume (Campanula cochleariifolia, ‘Bavaria Blue’) blüht umso intensiver, je sonniger sie steht.
• Die Gewöhnliche Hauswurz (Sempervivum tectorum) bildet ab Juni hellrote Blütenstände.
• Die Alpen-Nelke (Dianthus alpinus) braucht einen sonnigen, kalkreichen, durchlässigen Standort. Sonst beginnt sie zu faulen.
• Die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) blüht ab März. Später folgen fedrige Samenschöpfe.
• Das Taubenkropf-Leimkraut (Silene vulgaris) ist eine anspruchslose Staude fürs Alpinum.
• Der Stängellose Enzian (Gentiana acaulis) bildet ab Mai tiefblaue Blüten über ledrigen, sattgrünen Blattpolstern.
• Alpen-Aster (Aster alpinus) und Seifenkraut (Saponaria ocymoides) leuchten um die Wette.
• Die Kugelblume (Globularia punctata) ist ein attraktiver, teppichbildender Bodendecker.
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