Mit Goethe im Garten

Mit Goethe im Garten

So sieht es heute aus: Das Haus und der Garten im Park an der Ilm stehen Besuchern offen und gehören als Teil des Ensembles „Klassisches Weimar“ zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Nein, das Ganze macht wirklich nicht viel her: das Haus verfallen, das Dach undicht, Fußboden und Treppe morsch, der Garten verwildert. Und vermutlich muss man es der Jugend, dem Enthusiasmus und der Phantasie des neuen Eigentümers zurechnen, dass der sich sofort in das ziemlich bescheidene Domizil mit dem vernachlässigten Grün drumherum verliebt. „Den Garten in Besitz genommen“, schreibt er am 21. April 1776, einem Sonntag, in sein Tagebuch. Da ist er gerade einmal 26 Jahre alt. Sein Name: Johann Wolfgang Goethe.

Goethe war ein Gartenmensch

Als er 1775 auf Einladung des Herzogs Carl August nach Weimar kommt, gilt die Residenzstadt als Provinznest, und der junge Regent muss sich einiges einfallen lassen, um den schon damals berühmten, weltgewandten Goethe an die Stadt zu binden. 1776 kauft Carl August dem Dichter, den er noch im selben Jahr zum Geheimen Legationsrat ernennt und später in den Adelsstand erheben wird, das Haus an den Auen der Ilm als Geschenk und lässt es auch gleich rundum renovieren. Wann immer es seine vielfältigen Aufgaben fortan erlauben, zieht sich Goethe in sein Gartenhäuschen zurück, um dort fern vom Trubel und Tratsch am Hofe tun und lassen zu können, was er will. Sechs Jahre lang wird es sein ständiger Wohnsitz sein. Die Tagebucheintragung indes lässt den Schluss zu, dass Goethe dem Garten weit mehr Gewicht beimisst als dem Haus. Kein Wunder: Schließlich hat er Pläne. „Niemand glaubt sich in einem Garten behaglich, der nicht einem freien Lande ähnlich sieht. An Kunst, an Zwang soll nichts erinnern, wir wollen völlig frei und unbedingt Atem schöpfen“, wird er später in seinen „Wahlverwandtschaften“ schreiben.

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Die Passage umfasst ziemlich genau Goethes Gartenphilosophie. Entgegen der Gartenmode seiner Zeit, die weiterhin dem barocken Ideal mit seiner geometrischen Strenge huldigt, frönt der Dichter, wohl auch unter dem Einfluss von Rousseaus Naturphilosophie, einem ungezwungenen Umgang mit seinem Grün. Unter Goethes Regie beginnt der herzogliche Hofgärtner Johann Friedrich Reichert mit der Umgestaltung des vernachlässigten Terrains. Nach Manier der englischen Landschaftsgärten wird der hinter dem Haus liegende Hang gestaltet. Frische Erde wird herangekarrt, das Gelände terrassiert, Rasenflächen werden angelegt und Eichen, Linden, Buchen und Fichten in großen Mengen gepflanzt. Der Herzog zeigt sich auch hier spendabel und steuert aus seiner eigenen Baumschule Gehölze bei, die Goethe dann eigenhändig einpflanzt und sich hiermit zum ersten Mal als Gärtner betätigt. Auf dem parkartig angelegten Grund entstehen gewunden verlaufende Wege, geheimnisvolle Winkel und lauschige Sitzplätze, deren Gestaltung sich der Dichter mit Hingabe widmet. Von diesem sehr natürlich anmutenden Teil des Gartens führt ein langer, gerader Pfad zu dem im unteren Bereich des Grundstücks liegenden Nutzgarten.

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Ein Pfad, bei dem sich einmal mehr die Maxime der Weg sei das Ziel bewahrheitet. Denn beiderseits des Weges pflanzt Goethe Malven über Malven, die zu seinen Lieblingsblumen zählen. „In ihren bunten Röcken an hohen Stöcken hinaufgezogen“ bilden sie im Hochsommer eine farbenprächtige Allee. Es sind Stockrosen, Alcea rosea, die bescheidenen Bauernkinder in der an exquisiten Geschöpfen durchaus nicht armen Malvenfamilie. Doch in solchen Massen gepflanzt entfalten die mannshoch aufragenden Gewächse eine solche Grandezza, dass sie zur Blütezeit von dem Dichter und seinem weitverzweigten Freundeskreis in jedem Jahr mit einer Teegesellschaft gefeiert werden. Der Nutzgarten am Endpunkt der Malvenallee weist die traditionelle rechteckige Beetaufteilung auf. Hier wachsen allerlei Obst- und Gemüsesorten, nicht zuletzt der von Goethe so heiß geliebte Spargel, an dessen Genuss er auch seine Freundin Charlotte von Stein freigebig teilhaben lässt. Ohnehin schickt er ihr mit seinen Briefen regelmäßig kleine Blumenbuketts oder Gaumenfreuden aus seinem Garten. Und er errichtet der innig Verehrten an ihrem Lieblingsplatz das Denkmal „Dem guten Glück“, einen mächtigen steinernen Kubus, der eine Kugel trägt und über dessen tiefere Bedeutung Literaturwissenschaftler wie Kunsthistoriker bis heute grübeln.

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Bis 1782 lebt Goethe in seinem Gartenhäuschen an der Ilm, doch auf Dauer ist es doch kein passender ständiger Aufenthaltsort für den nunmehrigen Finanzminister. Schließlich mietet er eine geräumigere, bequemere Wohnung in der Stadt am Frauenplan. Seinen Garten und das Gartenhäuschen indes wird er zeit seines Lebens behalten. Ein paar Möbel bleiben dort, gerade so viel, wie man für eine einfache Übernachtung braucht – oder für ein Tête-à-tête. Denn im Sommer 1788 trifft er sich hier heimlich mit Christiane Vulpius, seiner späteren Frau: das Gartenhäuschen als Liebeslaube.
Marion Lagoda
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