Englands grüne Schätze

Die Sissinghurst Castle Gardens wurden von der außergewöhnlichen Schriftstellerin Vita Sackville-West und ihrem Mann Harold Nicolson angelegt.

Die Widmung auf einer Tafel am Turm lautet schlicht: "Zum Andenken an Vita Sackville-West, die diesen Garten einst schuf." So banal dieser Satz klingen mag, so bedeutungsschwer ist er doch. Sissinghurst Castle, in Kent in Südengland gelegen, wäre vermutlich längst in der Bedeutungslosigkeit versunken, hätte die vielseitig begabte, unkonventionelle Tochter aristokratischer Herkunft bei einem Besuch im April 1930 nicht augenblicklich das Potenzial dieser "Ansammlung romantisch verfallender Ruinen" erkannt.

Liebe auf den ersten Blick

"Ich habe mich verliebt. Und es war Liebe auf den ersten Blick. Mir war sofort klar, welche Möglichkeiten sich hier bieten", schrieb sie später. Mit dem kurzentschlossenen Erwerb des heruntergekommenen Herrensitzes hatte jedoch zunächst die Instandsetzung der verfallenden Gebäude Vorrang.

Allein der schlanke Doppelturm des einst prachtvollen Ensembles aus elisabethanischer Zeit war geblieben, außerdem das ehemalige Stallgebäude und zwei halbwegs bewohnbare Cottages. Phantasievoll und exzentrisch wie die neuen Bewohner war auch das Wohnkonzept, es bezog alle vier Gebäude ein.

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Vita und Harold: unkonventionell und ganz unterschiedlich

Vita sicherte sich den Turm, in den sie sich zum Lesen und Arbeiten zurückzog. Bis heute blieb ihr Schreibzimmer fast unverändert und ist zu besichtigen, so wie die Bibliothek im ehemaligen Stall. Ein Cottage diente als Küche und Esszimmer und als Refugium für die beiden Söhne, das zweite erkor Ehemann Harold zum Arbeitsdomizil.

Obwohl der Nachruhm stets seiner Frau Vita zuteil wird, war er es, der die Grundstrukturen des Gartens entwarf. Der Diplomat, Politiker und Buchautor "... verfügt über einen angeborenen Sinn für Symmetrie und über ein geniales Talent, einem widerspenstigen Gelände Brennpunkte und lange Blickachsen abzutrotzen, ein Talent, das mir völlig abging", erkennt Vita an, die dem Pragmatismus der klaren Linien einen Überschwang und ein Durcheinander an Geißblatt, Rosen, Rittersporn und wilden Blumen entgegensetzt.

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Die Idee der Gartenzimmer

Doch es ist ihre Idee, das Gelände in zehn abgeschlossene Gartenräume zu gliedern. Übermannshohe Eibenhecken, aber auch erhalten gebliebene Mauern bilden die Wände.
Obwohl das Areal von Sissinghurst sehr weitläufig ist, entstand so ihr "Garten von intimem, ja privatem Charakter". Jeder dieser Räume vermittelt das Gefühl der Abgeschiedenheit und Stille, eine Wirkung, die trotz der vielen Besucher einst und heute nie aufgehoben wird.

Vita verwendet als erste den Begriff des Gartenzimmers, der in der modernen Gartenplanung heute eine häufig gebrauchte Floskel ist. Jedes dieser Gartenzimmer folgt einem Thema. Es gibt den Rosengarten, in dem Vita ihre Liebe zu historischen Rosen auslebt, den berühmten Weißen Garten, den Bauerngarten in Sonnenuntergangsfarben, sogar einen Nussgarten. Schlicht und zugleich spektakulär ist der Grabengang.

Die Grabenmauer und der Kräutergarten

Die mittelalterliche Grabenmauer, die bei Aufräumarbeiten unter Brombeergestrüpp zum Vorschein kam und ab Ende 1930 freigelegt wurde, ist heute von verschwenderisch blühenden Glyzinen bedeckt. Der Grabengang verbindet die formalen Teile des Gartens mit den naturnahen Bereichen, an dessen äußerster Ecke sich zu aller Überraschung noch einmal ein streng formal gestalteter Raum auftut: der Kräutergarten.

Doch die Bestimmung der in diesem abgelegenen Gartenteil gesammelten Kräuter galt weniger dem kulinarischen Genuss. Auf Duft und Schönheit war die von Kräutern schon immer faszinierte Gärtnerin aus. Eines ihrer Lieblingsthemen waren die Thymian-Beete, denen sie sich mit Hingabe widmete. Mehr als 60 verschiedene Kräuter beherbergte der Kräutergarten.

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Im Besitz des National Trust


Bereits Ende der Dreißiger Jahre wird der Garten für Besucher geöffnet, und sie kommen in Scharen. Denn die gärtnernde Schriftstellerin hat sich da bereits den Ruf einer exzellenten Pflanzenkennerin erarbeitet.

Eine eigene Hörfunksendung zum Thema Garten bescherte ihr eine treue Fangemeinde. Thematisiert wurde, was Vita in Sissinghurst selbst ausprobiert hatte, und selbst Fehlschläge kamen, mit einem Schuss Ironie gewürzt, zur Sprache.

Ab 1946 bis fast zu ihrem Tod im Juni 1962 erschienen wöchentlich Gartenkolumnen im "Observer", die ihr frühes schriftstellerisches Schaffen längst in den Schatten stellten. Fünf Jahre nach dem Tod von Vita Sackville-West ging Sissinghurst in den Besitz des National Trust über.

Zwei berufene "Lady Gardeners", begnadete Gärtnerinnen, die bereits viele Jahre mit Vita zusammengearbeitet hatten, betreuten den Garten in ihrem Geiste weiter. Bis zum heutigen Tag haben es die Gärtner von Sissinghurst verstanden, den Garten in seiner Einmaligkeit zu erhalten.

Elke Pirsch


SISSINGHURST CASTLE

liegt nahe Cranbrook, Kent, ca. 40 km südwestlich von Canterbury
Sissinghurst, Cranbrook, Kent TN17 2AB, England,
www.nationaltrust.org.uk/sissinghurst

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