Winterlinge in kahle Frühlingsgärten

Winterlinge und Zwerg-Iris Winterlinge Dr. Konrad Näser
Man müsse die Winterlinge „zu Millionen auf die Gärten loslassen“, meinte Karl Foerster, der große Gartenveränderer. Gut gemeint, aber woher sollen die Millionen kommen? Immerhin konnte ich tatsächlich zehn Stück in der Foerster-Gärtnerei ergattern. Ach, waren das kleine schrumpelige schwarze Knöllchen! Vorschriftsmäßig pflanzte ich sie in lockere Humuserde unter einen Haselstrauch. In der Nähe von Haselsträuchern gedeihen seltene Pflanzen besonders gut, hatte ich einmal als Lehrling gehört. Tatsächlich, im nächsten Februar begann das „Bügelstadium“. Meine Eranthis hyemalis schickten sich zum Aufbruch. Der bestand darin, dass sechs der zehn Pflänzchen langsam ihr goldenes Blütenbällchen entwickelten, jeweils mitten auf einem kleinen grünen Blattschirm, der sich anfangs sogar schützend um die Knospe legte. Die anderen blieben noch ohne Blüte. Na, ja, immerhin etwas. Am 20. Februar breiteten sie erstmals ihre Blütenteller in der warmen Vorfrühlingssonne aus. Ein echtes Gartenerlebnis! Ein Jahr später blühten alle zehn. Danach blieben es mehrere Jahre lang stets zehn Winterlinge, die pünktlich Ende Februar ihre Blüten öffneten. Aber in einem Jahr waren es plötzlich 15, später 24 und noch ein Jahr später 56, bis dahin habe ich gezählt … Die Winterlinge hatten sich etabliert. Heute blühen Tausende in unserem Garten, jedes Mal freudig von uns und den ersten Bienen begrüßt.

In manchen Gärten gelingt das nicht.

Gibt es da ein Geheimnis zum „Einbürgern“ der Winterlinge? Es klingt einfach: Sie lieben lichten Halbschatten unter Gehölzen und einen humusreichen Boden, der im Sommer nicht völlig austrocknen darf. Und sie lieben Ruhe. Ein Garten, in dem kräftig die Hacke geschwungen wird, um die Wildkräuter im Zaum zu halten, ist kein Winterlings-Revier. In unserem Garten bleibt die obere Bodenschicht so weit wie möglich ungestört. Dort entwickeln sich die Winterlings-Sämlinge. Und zwar viele. Die sehen im ersten Jahr leider noch junger Vogelmiere ähnlich. Zwei kleine grüne Keimblättchen im März, sonst nichts. Kein Schirmchen, an dem man die Art erkennen könnte. Wer von den „Hackern“ weiß das schon? Wenn die Keimblättchen das erste Jahr überstanden haben, entwickeln sie im zweiten das typische „Rundblatt“. Noch zwei Jahre später blühen sie zum ersten Mal. Geheimnisvoll ist auch die Samenreife. Erstaunlich schnell geht das: Mitte Mai ist von den Winterlingen nichts mehr zu sehen. Vorher entlassen sie ihre braun-schwarzen, runden Samenkörner in alle Richtungen. Die rollen zwar gut, aber weit kommen sie nicht. Nach und nach entsteht so um die Mutterpflanze eine richtige Winterlingskolonie. Man muss nur Geduld und einen ungestörten Standort haben. Bei mir wandern die Winterlinge längst fernab der Hasel-Ausgangsbasis durch viele Staudenrabatten. Im Schutz der Großstauden und Hosta fühlen sie sich scheinbar besonders wohl. Nur eines muss ich beachten: Anfang März ist es zum Aufräumen der Rabatten zu spät. Da zertritt man die zarten Blattschirme. Ich muss schon Anfang Februar das alte Staudenkraut abräumen und eine dünne Kompostschicht aufbringen. Dann funktioniert die Winterlings-Parade.

» Schneeglöckchen – sie läuten den Frühling ein

Aber wann ist die Pflanzzeit für diesen Gartenschatz? Meine Erfahrung besagt: am besten während der Blüte. Der Tipp: Erbitten Sie von einem Gartenfreund einen Tuff Winterlinge und pflanzen das Geschenk sogleich in den eigenen Garten. Das Anwachsen zur Blütezeit gelingt, garantiert! Wer keinen Freund mit Winterlingen hat, geht ins Gartencenter. Dort werden Anfang März Töpfe mit blühenden Eranthis angeboten. Aber: Oft wächst in den Töpfen der Türkische Winterling, Eranthis cilicica. Der ist zierlicher, hat einen stark gefransten Blattschirm und wächst bei uns nur mühsam weiter. Unerklärlicher Weise ist er häufiger im Angebot als der starkwüchsige europäische Eranthis hyemalis und leider oft auch unter dessen Namen. Im Herbst kann man die schwarzbraunen runzeligen Knöllchen in Tüten kaufen. Auch da besteht die Gefahr, dass es die Falschen sind. Oft sind sie schon stark ausgetrocknet. Ob noch Leben in ihnen war, zeigt sich erst im Frühjahr. Also doch einen Garten-Freund mit blühenden Winterlingen besuchen! Was mir ganz wichtig ist: Die Winterlinge sind eine begehrte Trachtquelle für meine wintermüden Bienen. An sonnigen Tagen kommen die Immen schon bei 8 Grad aus ihren Kästen und suchen, immer die sonnigen Wärmeinseln nutzend, die verlockenden Blüten auf. Sind das nicht Gründe genug, um mit Karl Foerster zu sagen: „Lasst uns Blütenteppiche in die kahlen Frühlingsgärten rollen“.
Dr. Konrad Näser

Untrennbar ist sein Name mit der bekannten Gärtnerei "Karl Foerster" in Potsdam-Bornim verbunden. Als Züchtungsleiter trat Dr. Konrad Näser nach Foersters Tod im Jahre 1970 in dessen Fußstapfen. Mehr über den Karl-Foerster-Garten erfahren Sie im PotsdamWiki.

Nach Jahrzehnten sind die Winterlinge an manchen Plätzen in meinem Garten eine echte Konkurrenz für später austreibende Stauden und nicht mehr willkommen! Mitten in der Blütezeit grabe ich die Winzlinge aus und setze sie in kleine Töpfe. Sie wachsen ungeniert weiter und ich habe sehr gern gesehene Mitbringsel oder Tauschobjekte. Die getopften Frühlingsboten eignen sich auch bestens für kleine Frühlingsstillleben, zum Beispiel mit Moos ummantelt und von Weidenzweigen umgarnt. Nach der Blüte kommen die Knollen wieder ins Beet.

Eine Kolonie entsteht

Die Samenreife geht schnell, denn die Winterlinge ziehen sich bald in die Erde zurück. Nicht ohne zuvor die Samen in die Runde zu streuen. Und dann bloß nicht zu ordentlich sein: Die Keimlinge sehen im ersten Jahr fast wie junge Vogelmiere aus (ganz in der Mitte des Fotos) und werden oft unwissentlich weggehackt. Die typischen Schirmchen gibt es erst ab dem zweiten Jahr (am Bildrand zu sehen). Wer möchte, kann die reifen Samen auch sammeln, bevor sie wegkullern, und gezielt an passenden Plätzen aussäen.

Extra-Tipp

Wie schaffen es die Winterlinge nur, ein Loch in die Schneedecke zu tauen, aus dem sie dann keck hervorschauen? Eine aktive Heizung haben sie nicht. Wohl aber werden die Strahlen der Februarsonne von den Pflanzen aufgenommen. Ihr Zellgewebe erwärmt sich dabei um ein bis zwei Grad gegenüber dem umgebenden Schnee. Die reflektierte Wärme reicht, um langsam ein Loch in die weiße Decke zu schmelzen. Die Sonnenwärme steuert auch das Öffnen der Blüten.

Im Herbst gekaufte trockene Winterling-Knöllchen werden eine Nacht ins Wasser gelegt. Sie quellen richtig auf. Erst dann einpflanzen, ca. 4 cm tief. Das Oben und Unten ist an den Knöllchen nicht erkennbar, es ist auch egal. Wenn sie noch leben, treiben sie in jeder Lage aus.
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