Sterndolden – Sterne am Staudenhimmel

Die Sterndolde ist noch immer ein Geheimtipp. Auch Dr. Konrad Näser hat ein halbes Gärtnerleben an ihr vorbeigelebt. Doch umso mehr schätzt der Staudenexperte heute diesen hübschen Stern am Staudenhimmel.

Vor einiger Zeit wurde ich gefragt, welchen Pflanzenduft ich am wenigsten mag. Mir fiel spontan die Stinkmorchel ein, aber es sollte eine Staude sein. „Na dann, der Bergknöterich, Aconogonon alpinum, der riecht nach Pferdestall“. Zum Glück fiel mir die Sterndolde nicht ein – ich hätte sie unnötig in ein schlechtes Licht gesetzt. Düfte sind eben Geschmackssache. Meine Bekanntschaft mit der Sterndolde reicht weit in meine Kindheit im Erzgebirge zurück. Im Garten meiner Eltern wuchs zwischen Gehölzen ein hellgrün blühender Tuff der Sterndolde. Zugegeben, angenehm war der Duft nicht. Eins aber überzeugte: ihre Lebenskraft im Halbschatten zwischen Gehölzen im feuchten, nährkräftigen und basischen Gebirgsboden. Dort wuchsen auch Frauenmantel, Akelei, Waldmeister und die große Wald-Glockenblume, Campanula latifolia. Noch etwas blieb mir in Erinnerung: Die Sterndolde säte sich selbst aus.

Hier und da zwischen den Gehölzen tauchten ihre Sämlinge auf, keineswegs störend, willkommen sogar, denn sie wucherten nicht. Alle hatten relativ kleine, grünweiße Doldenblüten, waren aber ausgesprochen zählebig und wurden gern für Sträuße verwendet.

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Dann verlor ich die Astrantie aus den Augen, für lange Zeit. Bis vor ungefähr zwanzig Jahren. Da tauchten neue Sorten auf mit Blütenfarben, wie ich sie bei Sterndolden noch nicht gesehen hatte: Rosa, Reinweiß, Karminrot bis Violett. Vor allem englische und holländische Züchter waren am Werk. Bald gab es diese neuen Hybriden auch hier: die dunkelrote ‘Claret’ oder die silberweiße, großblütige ‘Shaggy’ und die rosafarbene ‘Roma’. Mir gefiel zunächst besonders die dunkelrote, 50 cm hohe Sorte ‘Ruby Wedding’. Wir hatten gerade unsere Rubin-Hochzeit gefeiert. Da war sie ein willkommenes Geschenk an meine Frau. Aber es zeigte sich bald, dass gerade diese Sorte auf unserem sandigtrockenen Boden schwach im Wuchs blieb. Ich dachte: “Lässt sich da nicht mehr herausholen?“ Und da war die alte Züchterleidenschaft in mir erwacht. Es war August, ich erntete Samen und säte ihn aus. Astrantien sind Kaltkeimer. Nach dem Winter im Freien keimten sie willig. Heran wuchs ein Sämlingsgemisch mit vielen Rosa- und Rottönen. Eine Pflanze hatte es mir besonders angetan. Ich wählte sie aus und versuchte durch Teilen auf eine gewisse Stückzahl zu kommen.

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Doch schon im nächsten Jahr gefiel sie mir nicht mehr so gut, zu blass in der Farbe, zu schwach im Wuchs. Aber mein Sohn suchte für seinen Garten in Rugiswalde neue Pflanzen. Ich gab ihm auch meine in Ungnade gefallene Sterndolde mit. Wie erstaunt war ich allerdings, als im Folgejahr eine prächtige, rosa-rote Sterndolde in seinem Garten blühte. Es war: meine Auslese. Auf dem lehmigen Mittelgebirgsboden wuchs sie prächtig, so wie die Sterndolden damals im Erzgebirge. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass manche Züchtungen auf unterschiedlichen Standorten sehr verschieden reagieren. Abbitte leistend, holte ich sie zurück auf unseren humosen Sand. Ich habe sie weiter vermehrt und ihr den Sortennamen ‘Rugiswalde’ gegeben. Rot blühende Sterndolden sind heute gar nicht mehr so selten, und es gibt wüchsigere als ‘Ruby Wedding’ oder meine ‘Rugiswalde’. Sie heißen ‘Abbey Road’ und ‘Venice’, und die strecken sich bis 70 cm hoch.

Das erklärt, weshalb Sterndolden beliebte Schnittblumen geblieben sind. Manche haben inzwischen sogar einen erträglichen Duft. Eine ist bis heute mein Favorit: die holländische Sorte ‘Roma’. Sie blüht rosa schon ab Anfang Juni und je sonniger der Standort, umso intensiver ist ihre Farbe. Sie blüht ein zweites Mal im August und verträgt leichte Böden, für mich ein großer Vorzug. Und Begehrlichkeiten wecken auch die großblütigen englischen Sorten. Sie stammen von Astrantia major subsp. carinthiaca ab, die hellgrüne ‘Silver Glow’ und die weiße ‘Shaggy’ sowie die dunkelrote ‘Gill Richardson’. Als Züchter träume ich noch von einem milden Gelb im Blütenblattkranz. Aber das wird eine Aufgabe für die nächste Gärtner-Generation sein.

Dr. Konrad Näser

Untrennbar ist sein Name mit der bekannten Gärtnerei "Karl Foerster" in Potsdam-Bornim verbunden. Als Züchtungsleiter trat Dr. Konrad Näser nach Foersters Tod im Jahre 1970 in dessen Fußstapfen. Mehr über den Karl-Foerster-Garten erfahren Sie im PotsdamWiki.

Extra-Wissen

Einige Stauden, so auch die Sterndolden, brauchen zum Keimen einen Kältereiz. Früher nannte man sie „Frostkeimer“. Die Samen werden am besten gleich nach der Ernte ausgesät, auch wenn das noch im Sommer ist. Kaltkeimer wollen anfangs eine Warmperiode, danach eine lange „Kaltzeit“ mit Temperaturen zwischen –4 bis +4 Grad, wobei Schnee auf den Aussaatgefäßen besonders günstig wirkt. Danach steigen im Frühjahr die Temperaturen langsam wieder an – die Hemmstoffe sind abgebaut, die Samenschale ist porös, und die Keimung kann beginnen. Typische Kaltkeimer sind Christrose, Eisenhut, Veilchen, Phlox, Bärlauch – und die Sterndolde.

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