Glockenblumen

Dr. Konrad Näsers Franken-Glocke

Die „Franken-Glocke“ ist standfest, wuchert nicht, bleibt gesund und hat von Juni bis August ansehnliche lila Blüten. Mit etwa 80 Zentimetern Höhe ist sie eine willkommene Partnerin zu vielen anderen Stauden.

Wer in eine Pflanze verliebt ist, muss auch einmal in die Trickkiste greifen dürfen, um sie bekannter zu machen. Das finde ich durchaus in Ordnung, denn schon Karl Foerster schulte mich im Erfinden wirkungsvoller deutscher Namen. Weil ihm der früher legitime Name „Sockenblume“ für Epimedium nicht gefiel, nannte er sie kurzerhand Elfenblume. Und siehe da, heute nennt alle Welt sie so. Hier geht es aber um Glockenblumen. Ich liebe die hochwachsenden Arten, allen voran die Wald-Glockenblumen aus den Karpaten (Campanula latifolia), doch auch die Nesselblättrige Glockenblume (Campanula trachelium) aus den deutschen Mittelgebirgen. Sie gehört als echtes Naturtalent zu meinen Favoriten. Aber oh weh, der Name! Der lateinische mag noch angehen, obwohl er (trachelium: Halsleiden heilend) aus heutiger Sicht keinen Sinn mehr ergibt. Aber für den deutschen Namen fiel den Botanikern nur die Ähnlichkeit der Blätter zu Brennnesseln ein. Sie tauften die Pflanze einfach Nesselblättrige Glockenblume. Dabei hat sie nicht einmal Brennhaare.

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Nun werben Sie mal bei Gartenfreunden für eine schöne Staude, die diesen Namen trägt. Unmöglich! Diskriminiert durch ihren zwar korrekten, aber ganz uncharmanten Namen drohte ihr ein Nischendasein. Dann begegnete sie mir überraschend bei einer Wanderung im Frankenwald in der heimischen Flora, auffallend blau, an einem sonnigen Waldrand. Das war’s! Seitdem heißt sie bei mir „Franken-Glocke“ und plötzlich waren meine Staudenfreunde begeistert. Und wollten sie unbedingt haben. Inzwischen kultiviere ich neben der blauen auch die weißblühende Varietät. Die gefüllt blühenden Sorten ‘Album Plenum’ und ‘Bernice’ kenne ich wohl, will sie aber gar nicht haben. Die einfach blühenden haben diesen „Wildadel“. Allerdings auch in der Ausbreitung. Sie versamen sich üppig. Vor allem, wenn man in Rücksicht auf die lange Nachblüte die Stängel auch dann noch stehen lässt, wenn die ersten Blüten bereits Samen angesetzt oder gar ausgestreut haben.

» Bilder: Dr. Konrad Näsers Glockenblumen

Noch auffälliger ist die schon erwähnte Wald-Glockenblume aus den Karpaten (Campanula latifolia), kurz „Karpaten-Glocke“ genannt. In ihren Eigenschaften ähnelt sie der Franken-Glocke, die Blüten sind sogar größer. Allerdings ist die Art bei mir im Garten sehr variabel. Meine Ausgangspflanze hatte langzipflige weiße, seitlich abstehende Blütenglocken – eine wahrhaft stolze Erscheinung! Unter ihren Sämlingen traten wenig später früh- und spätblühende, standfeste und umknickende, blaue, weiße und lilafarbene auf. Inzwischen ist auch noch eine hell malvenfarbene Variante dazu gekommen. Geschult im Foersterschen Züchterblick, wollte ich diese sofort als Fehlfarbe eliminieren. Doch eine zufällig dabei stehende Gärtnerin, auf deren Urteil ich großen Wert lege, plädierte für den Erhalt dieser Schönheit, und so fügte ich den neuen Sämling bekehrt den andern hinzu. In diesem Jahr hoffe ich auf eine Weiße mit blauem Rand. Zur Blütezeit im Juni/Juli haben wir einen richtigen Glockenblumengarten! Sie tauchen überall auf und suchen sich die günstigen Standorte selbst. Sehr schön wirken die weiß blühenden hohen Sämlinge in Schattenpartien. Nur wenn es dort im Mai/Juni zu trocken wird, kümmern sie.

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Dr. Konrad NäserSeit Jahren bemühe ich mich um eine weitere hohe Glockenblume. Aber ich kann Ihnen gleich sagen: Nicht mit überzeugendem Erfolg. Es ist die Dolden-Glockenblume, Campanula lactiflora. Ihre milchblauen, phloxähnlichen Blütenstände in 80 bis 150 cm Höhe sind eindrucksvoll. An der Ostseeküste, im Meeresklima, habe ich sie kürzlich in einem Garten, straff aufrecht stehend, bewundert, fast brusthoch war sie. Bei mir bleibt sie meist bei einem Meter stehen und muss auch noch gebunden werden. Mache ich da etwas falsch? Immerhin habe ich einen schönen blauen Typ schon mal sichergestellt. Der Kobold unter den hohen Arten ist bei mir die Pfirsichblättrige Glockenblume, Campanula persicifolia. Die Engländer sagen einfach Pfirsich-Glocke dazu. Die Pflanze verdient aber auch Zuneigung. Von trockenen heimischen Wiesenrändern stammend, wünscht sie auch im Garten einen sonnigen Platz, möglichst mit etwas Lehm an den Wurzeln. Dann bleibt sie gesund. Auch sie lasse ich frei im Garten umherziehen. Über die kurzen Ausläufer lässt sie sich vegetativ vermehren. Allerdings ist mir die natürliche Bandbreite der Sämlinge bei freier Standortwahl am liebsten. Von den Engländern kommt jüngst die Begeisterung zum „blackbox gardening“ – Gestalten des Gartens mit frei sich aussäenden Stauden. Bei den hohen Glockenblumen funktioniert das bestens bei mir – schon seit Jahren.
Dr. Konrad Näser

Dr. Konrad Näsers „blackbox“-Kandidaten bei den Hohen

Sie säen sich munter aus, wo sie wollen, und nehmen mir so die Gartengestaltung ein wenig aus der Hand.
• Campanula latifolia var. macrantha (blau)
• Campanula latifolia var. macrantha ‘Alba’ (weiß)
• Campanula persicifolia ‘Grandiflora’ (hellblau)
• Campanula persicifolia ‘Grandiflora Alba’ (weiß)
• Campanula trachelium (blau und weiß)

Geister, die man besser nicht rufen soll

Wer es mit der Vorliebe für Wildstauden zu weit treibt, gerät an die Acker-Glockenblume, Campanula rapunculoides. Durch ihre schlanken, bis 1 Meter hohen Stängel und blauvioletten Glocken strahlt sie einen richtigen „Wildcharme“ aus. Doch wehe uns! Mit Ausläufern, Speicherwurzeln und Sämlingen durchzieht sie schnell alle Nachbarpflanzen und lacht über unsere Bemühungen, sie wieder los zu werden.

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