Die Mistel – zwischen Himmel und Erde

Laubholz-Mistel

Magisch und heilig waren die Misteln für unsere Ahnen. Denn die Pflanzen konnten nur durch Götterhand in die Baumkronen gelangt sein.

Sehr, sehr langsam wächst die Mistel zu einem fast perfekt kugelrunden Strauch heran. Nein, nicht auf dem Boden, sondern oben auf einem Ast. Sie braucht mehr als 20 Jahre, bis sie einen Durchmesser von einem Meter erreicht hat! Für ihr Wachstum zapft sie mit ihren Wurzeln die Lebensadern des Baumes an, auf dem sie sitzt. Dabei sie stiehlt sie ihm Wasser und Nährsalze. Photosynthese betreibt sie über ihre immergrünen Blätter selbst. Das ist frech. Fachleute bezeichnen die Mistel deshalb als Halbschmarotzer. Ihre ungewöhnliche Lebensweise gab unseren Vorfahren Rätsel auf. Die Mistel wurde zur mächtigen Zauberpflanze. Im Haus aufgehängt, sollte sie Schutz vor Hexen, bösen Geistern und Feuer geben. Medizin aus Misteln sollte Krankheiten heilen. Und den keltischen Druiden galt die Mistel sogar als die heiligste aller Pflanzen. Aber nur, wenn sie auf Eichen wuchs. Mit einem goldenen Messer in der Tasche kletterten die zauberkundigen Druiden auf Eichen, um die Mistelzweige zu ernten. Doch warum gerade die Misteln auf Eichen? Sie sind sehr selten und waren darum besonders wertvoll. Häufiger sieht man Laubholz-Misteln (Viscum album var. album) auf Apfel, Pappel, Linde, Weide, Eberesche und Birke.

» Efeu: der immergrüne Kletterer

Und wie kommt die Mistel nun auf den Ast? Kelten und Germanen hatten die Götter in Verdacht, die Misteln dort gestreut zu haben. Doch in Wirklichkeit sind es Seidenschwanz, Misteldrossel und andere Vögel, die den Samen dort oben ablegen. Die weißlichen Mistelbeeren sind beliebtes Winterfutter. Und letztlich bleibt der Samen intakt und wird ausgeschieden. Oder die klebrige Frucht wird samt Samen von den Vögeln mit dem Schnabel auf dem nächstbesten Ast abgestreift. Sobald die Temperaturen im März Frühlings-Niveau erreichen, schiebt sich eine grüne Keimwurzel aus dem Samenkorn in Richtung Rinde. Mit einer Haftscheibe hält sich der kleine Keimling auf seiner hölzernen Unterlage fest. Allein dafür braucht er schon etwa 60 Tage und hat seine Kräfte für dieses Jahr erst einmal erschöpft. Im kommenden Jahr drückt der Keimling die Rinde auseinander und dringt in den Holzkörper ein, bis er mit dem Kambium des Baums verbunden ist. Aus dieser ersten Wurzel wachsen Senker, die sich mit den Leitungsbahnen des Astes verbinden. Nun kann die Mistel aktiv Wasser und Nährsalze aufnehmen, die der Baum hinauf in den Ast pumpt. Jetzt wird endlich gewachsen!

Aber bis sich die Mistel auf dem Ast etabliert hat, vergehen etwa zwei weitere Jahre. Doch der Baum bemerkt die Mistel und versucht, sich zu wehren. Er beginnt, die Mistelsenker zu umwachsen. Eine Wulst entsteht als äußeres Zeichen des Zweikampfes, und der Ast wird an der Stelle, wo die Mistel sitzt, dicker. Einige Baumarten wehren sich erfolgreicher Abwehr als andere. Woran das liegt, ist noch unklar. Vermutlich tragen die gegen Misteln resistenten Laubbäume wie Buche, Walnuss, Holunder und die seltener befallenen Eichen, Eschen, Birnen und Kirschen Stoffe in sich, die den Mistelsamen einfach nicht keimen lassen.

Wer unter dem Mistelzweig steht, darf geküsst werden

MistelAuch wenn wir heute verstehen, wie die Mistel lebt, glauben wir noch an ihre Zauberkraft. Vor allem zur Weihnachtszeit, die etwa in die Zeit der keltischen Wintersonnenwende fällt. Ein Mistelzweig über der Tür soll noch immer böswillige Geister fernhalten und wird, vor allem in den USA und Großbritannien, zum Kuppler für Liebende: Wer unter dem Mistelzweig steht, darf geküsst werden. Dieser Brauch geht auf eine germanische Legende zurück. Der beliebte, nahezu unverwundbare Göttersohn Baldur fiel einem Streich des heimtückischen Loki zum Opfer. Der brachte Baldurs Bruder dazu, mit einem Mistelzweig auf Baldur zu schießen. Diesen konnte nur eine Mistel töten. Baldurs Mutter Frigga erweckte ihn wieder zum Leben, woraufhin die Mistel der Göttin der Liebe geweiht wurde. Die Mistel wurde zum Liebessymbol, und fortan war unterm Mistelzweig küssen erlaubt.
Natalie Faßmann

Sind Misteln schädlich?

Ja, denn Misteln entziehen dem Baum Wasser und Mineralstoffe. Einem gesunden Baum macht das nicht viel aus, selbst wenn fünf Misteln auf – oder besser von – ihm leben. Doch leidet der Baum zusätzlich unter Trockenheit und Nährstoffmangel, schwächen ihn die Misteln. Das lässt den Baum auf lange Sicht kümmern, bis schließlich einzelne Äste oder Kronenteile absterben. Misteln besiedeln auch Apfel-, seltener Birnenbäume. Sie verringern deutlich den Fruchtbesatz, da der besiedelte Ast seine Früchte nicht mehr ausreichend ernähren kann. Darum sollten Misteln rechtzeitig aus Obstgehölzen entfernt werden. Dabei reicht es nicht, nur die grünen Sprosse zurückzuschneiden. Nehmen Sie den Ast, auf dem sich die Mistel eingenistet hat, mindestens 10 Zentimeter unterhalb der Ansatzstelle heraus. So weit reichen die Senker der Mistel, mit denen sie sich im Holz ausbreitet und aus denen sie erneut austreibt.
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