Der Untergang meines Steingartens

Pfingst-Nelke und andere Stauden

Pfingst-Nelken und andere Pflanzen, kombiniert mit Steinen - eine Gemeinschaft, die sehr reizvoll ist, jedoch auch besondere Herausforderungen mit sich bringt.

Von zwanzig Gärtnern, die einen Steingarten anlegen, werden nur zwei glücklich. Die anderen achtzehn geben auf. Behaupte ich. Weil auch ich zur Gruppe mit der Mehrheit gehöre.

Manch eine Modewelle ging über unseren Garten hin. Die eine oder andere machte nämlich einst auch ich mit. Zum Beispiel die große Steingarten-Welle. Es ist ein paar Jährchen her. Alle wollten einen Steingarten haben. Ich auch. So einen kleinen Hügel, mit schönen Steinen und kuscheligen Pflanzenwinzlingen dazwischen.

Natürlich ging ich davon aus, leichtes Spiel zu haben. Schließlich war ich mit solidem Gärtnerwissen ausgestattet. Steine gab es reichlich, Findlinge und nordisches Geschiebe der letzten Eiszeit. Wir hatten sie ringsum gesammelt oder bei Ausschachtungsarbeiten im Garten freigelegt. Sie warteten im sogenannten Natursteinlager auf neue Aufgaben. Für unseren Steingarten wollten wir ohnehin nur regionales Material verwenden, wie passend.

Mehr als einfach nur Steine

Die geeignete Fläche war schnell gefunden, leidlich sonnig, sanft abfallend, angrenzend an den Rasen und eingefasst von Wegen. Das wird unser Steingarten! Gesagt, getan. Zwei kleine Treppchen aus Granitpflastersteinen glichen die Höhenunterschied e aus. Dann begannen die „Steinsetzungen“. Das ist eine wahrhaft heilige Handlung, wenn ich den lieben Berufskollegen Glauben schenken will.

Bei jedem Stein wird geprüft: So oder so gedreht, hochkant oder schräg liegend, eingegraben oder flach aufgesetzt, vielleicht in einer Geröllfläche? Ich gestehe: Auch mir hat das großen Spaß gemacht! Es waren ausgesprochen schöne Steine dabei, der „Gewitterstein“ mit zackigen Quarzeinschlüssen, ein Windschliff mit scharfer Kante auf der Oberseite und ein auffallend rot gemusterter Granitbrocken.

» Vorwitzige Zwerge

Am unteren Rand wurde ein niedriges Trockenmäuerchen gesetzt. Zufrieden überschaute ich das Werk. Das Bepflanzen konnte beginnen. Da stand so einiges bereit: die Zwerg-Glockenblumen, Blaukissen, Grasnelken, Polster-Phloxe, Zwerg-Schleifenblume, Mannsschild, und viele andere. Und dann die Fragen: Wo sollen die kleinen Steinbreche hin, die Hauswurz, die Sedum-Arten und vielleicht sogar ein Enzian? Und wäre da nicht ein sonniger Platz für ein Edelweiß oder ein Adonisröschen? Im Handumdrehen war der Steingarten gefüllt. Steine ragten majestätisch aus der botanischen Vielfalt empor. Ich wurde an Karl Foerster erinnert, der schmunzelnd auf der Bank in einem Winkel seines Steingartens saß und zu mir sagte: „Siehste dort den Stein? Wie das Matterhorn! Da hab’ ich 200 Pflanzen untergebracht!“

Nach der ersten Freude am gelungenen Werk kamen aber Bedenken: Stimmen die Ansprüche der Pflanzen überhaupt mit dem Standort überein? Brauchen sie trockenen oder frischen, kalkhaltigen oder sauren Boden, nährstoffarm oder gut versorgt, einen vollsonnigen oder halbschattigen Bereich, genügt der Wasserabzug? Und funktioniert das alles auf unserer kleinen Fläche?

» Die Kleinkunst bleibt

Der Steingarten - eine ganz eigene Pflanzenwelt


Schließlich holte ich Foersters Buch vom „Steingarten der sieben Jahreszeiten“, überprüfte unsere Kollektion und stellte fest: Im Frühjahr blüht es hier reich, im Sommer nur mäßig, im Herbst gar ist tote Hose. Nun war Umpflanzen, Ergänzen und Neuordnen angesagt. So ging es zwei, drei Jahre hindurch. Dann begriff ich: Ein wirklicher Steingarten-Liebhaber werde ich nicht. Mir liegt eher das Gärtnern mit „großem Schwung“, das Gestalten üppiger, naturnaher Staudenrabatten, weniger das Päppeln seltener und anspruchsvoller Bergpflanzen zwischen Steinen. 

Wie das in einem lebendigen Garten nun mal so zugeht, merkten Floras Kinder sehr bald, dass da ein Stück Terrain aus dem Ruder läuft. Und so wanderten als erstes die Kleinkräuter ein, Rispengras, Springkresse, Sternmoos und das lästige Lebermoos. Die Kleinblumenzwiebeln, wie Blaustern, Schneeglöckchen, Krokus und Lerchensporn folgten. Heimlich und leise nisteten sich die Neuen in die edlen Polster ein und drückten sie beiseite. Dann kamen die Sämlinge der größeren Stauden aus der Nachbarschaft, die überall eine Lücke fanden: die Akelei, das Mutterkraut, die Sonnenhüte und der Phlox – schon war die Rabatten-Gesellschaft in unseren Steingarten hinüber geschwappt. Einfach wegjäten? Ein passionierter Steingärtner tut das, ich schaute weg. Da war es um unseren Steingarten geschehen. Er ging im Wachstumsrausch der anderen Gartenstauden unter.

» Steinrosen 

Vielleicht nicht ganz: Die Blaukissen, Polsterphloxe und einige Glockenblumen haben ihren Platz auf der Trockenmauerkrone noch nach zehn Jahren behauptet. Eine der Polster-Glocken, die Ranken-Glockenblume (Campanula poscharskyana), eigentlich ganz hübsch, muss ich sogar als sehr rabiat bezeichnen. Sie verteidigt ihren Lebensraum nicht nur, sie erobert immer neue Stellen hinzu.

Heute habe ich mit unserer Steingarten-Idee Burgfrieden geschlossen: Die kleine Trockenmauer ist noch da. Dahinter, im nunmehr schattigen Bereich, breiten sich Farne aus, davor kämpft immerhin noch ein Zwerg-Seidelbast (Daphne cneorum) ums Überleben. Auch ein Teppich-Sedum (Sedum spurium) hat seine Fläche erfolgreich verteidigt. Neu hinzugekommen sind der Pyrenäen-Ziest (Stachys ‘Hummelo’), die Dreiblattspiere (Gillenia trifoliata) und ein schöner Phlox-Sämling. Mit dieser Gesellschaft bin ich mehr als versöhnt. Prüfen Sie besser Ihre innere Gemütslage, bevor Sie einen Steingarten anlegen!



Tipps rund um den Steingarten und seine Pflanzen

Kleine Schätze rauf aufs Dach Natürlich gebe ich ungern Pflanzen ganz auf, vorher kommt stets der Ver­such, sie zu retten. Und ich hatte eine Idee: Nebenan wohnt unser Sohn. Seine Veranda sollte ein begrüntes Dach bekommen. Ich wurde um Rat gefragt. Und da war auch schon der Gedanke geboren: Mit den Steingartenpflanzen hoch aufs Dach! Dort gibt es reichlich Licht, mageren Boden, Trockenheit und keine Konkurrenz durch große Rabattenstauden. Gesagt, getan! So zogen unter anderem Mauerpfeffer, Steinwurz, Thymian, Kuhschelle, Steinkraut, Katzenpfötchen und Zwerg-Seidelbast zusammen mit mehreren Schwingel-Arten in luftige Höhe.

Die schräge Dachfläche war bauseitig darauf vorbereitet worden und eine Lage Blähton, Sand und magere Gartenerde empfing die neuen Bewohner. Beim Bepflanzen konnte ich die Setzlinge je nach Lichtbedarf auf die prallsonnige Südseite und die etwas absonnige Nordseite verteilen. Nun waren die „Winzlinge“ unter sich und entwickelten mit der Zeit prächtige Polster bis über die Dachkante hinweg. Was ich nicht erwartet hatte: Viele versamten sich da oben. Sogar die Kuhschelle breitete sich aus und schickte einige ihrer Nachkommen zurück nach unten in den Garten – welche Freude! Die Steingartenidee am Boden überlasse ich dennoch lieber den echten Alpenpflanzengärtnern.

Gelegenheit macht Steingartendiebe - wüchsige Konkurrenten

Wer ein kleines Steingarten-Kunstwerk innerhalb eines mit stattlichen Stauden und robusten Bodendeckern gestalteten Gartens anlegt, erlebt schon bald, wie die Kleinkunst unter Druck gerät. Vitale Zuwanderer nutzen jede Chance: Anfangs unbemerkt schleichen sich wahre Plagen, wie das Lebermoos ein, ihnen folgen die Kleinblumenzwiebeln wie der Blaustern, über dessen Ausbreitung ich mich an anderer Stelle sehr freue. Auch der Lerchensporn nutzte seine Chance. Dann kamen die Sämlinge der Rabattenstauden herübergeschwappt, Phloxe, die sich bei mir aussäen dürfen und natürlich die unbändige Akelei. Sie alle feierten fröhlich das Ende meines Steingartens.


ZEHN für alle Fälle - Pflanzenempfehlungen für den Steingarten



TOP TEN für Einsteiger

● Katzenpfötchen, Antennaria dioica

● Karpaten-Glockenblume, Campanula carpatica

● Polster-Glockenblume, Campanula portenschlagiana

● Italienisches Zwerg-Hornkraut, Cerastium tomentosum var. columnae

● Pfingst-Nelke, Dianthus gratianopolitanus

● Silberwurz, Dryas octopetala

● Cambridge-Storchschnabel, Geranium x cantabrigiense

● Gold-Fingerkraut, Potentilla aurea ‘Goldklumpen’

● Kamtschatka-Sedum, Sedum kamtschaticum

● Sand-Thymian, Thymus serpyllum



TOP TEN für Fortgeschrittene

● Adonisröschen, Adonis vernalis

● Silberdistel, Carlina acaulis

● Gegenblättriger Steinbrech, Saxifraga oppositifolia

● Trichter-Enzian, Gentiana acaulis

● Alpen-Edelweiß, Leontopodium alpinum

● Markisenblume, Lewisia cotyledon

● Teufelskralle, Phyteuma scheuchzeri

● Aurikel, Primula auricula

● Felsenteller, Ramonda myconii

● Alpenglöckchen, Soldanella montana



Meine Favoriten für eine Dachbegrünung

● Steinkraut, Alyssum saxatile

● Katzenpfötchen, Antennaria dioica

● Pfingst-Nelke, Dianthus gratianopolitanus

● Blau-Schwingel, Festuca glauca

● Sand-Polsterphlox, Phlox bifida

● Kuhschelle, Pulsatilla vulgaris

● Scharfer Mauerpfeffer, Sedum acre

● Kamtschatka-Sedum, Sedum kamtschaticum

● Dachwurz, Sempervivum tectorum

● Sand-Thymian, Thymus serpyllum


Dr. Konrad Näser
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